Heimat und Fernweh im Einklang

Er singt auf Mundart und bringt traditionelle Volkslieder neu zum Klingen: Der Luzerner ­Sänger ist fest in der Schweiz verwurzelt. Dennoch zieht es ihn auch in die Ferne. Mit seiner Familie ist er durch Indonesien und Japan gereist.

Von Aurelia Robles

Es ist fast wie vor einem Jahr, nur umgekehrt: Vor dem bekannten Wasserturm in Luzern posiert ein Touristenpaar aus Japan. Musiker Marco Kunz (39) muss lachen. In der Hand hält er zwar den dritten Musikband mit Schweizer Volks­liedern von «Jetz singe mer eis». Doch trotz tiefer Verbundenheit mit der hiesigen Tradition zieht es den Luzerner immer mal wieder in die exotische Fremde. So war er vor einem Jahr selbst ein Tourist, der vor japanischen Sehenswürdigkeiten wie dem Berg Fuji posierte und die berühmte Kirschblütenzeit bestaunte. «Das war der Wahnsinn! Alles war nur pink, weiss und grün und es roch nach Frühling.» 

Mit Frau Jenny (36) und den Kindern Emil (5) und Helena (3) ging es für Kunz von Luzern auf eine längere Asienreise. «Schon vor der Geburt unseres ersten Kindes wussten wir, dass wir wieder einmal länger verreisen wollten», sagt er. «Und auch wenn ich das Leben hier in der Schweiz ungemein schätze, kommt doch eine Routine auf und der Alltag gibt einem vieles vor.» Deshalb wollten sie mal «auslüften, Ideen sammeln, uns auch als Familie ordnen, Zeit füreinander haben, ohne etwas zu müssen. Das ist so ein Privileg.» 

Japan, wo seine Frau ein halbes Jahr ­studiert hat, reizte den Musiker schon lange. Zudem gilt der Inselstaat als sicher. «Als ÖV-Fahrer wollte ich zudem die Züge ­sehen und den grössten Bahnhof der Welt.» Angefangen im verschneiten Sapporo im Norden reiste die vierköpfige Familie während zwei Monaten gen Süden bis nach Fukuoka. «Japan ist ein Land mit sehr lieben Menschen, aber auch sehr ­vielen Regeln», erzählt Kunz. So seien auch die japanischen Kinder viel gesitteter als die europäischen. «Unsere Kinder sind wild bei dem, was sie machen, und toben sich aus. Deshalb war es teilweise schwierig, selbst in den Parks», sagt er. «Gleich­zeitig wollten wir die Kultur respektieren und ihnen näherbringen.» Das gelang beim Essen, insbesondere Emil habe alles gekostet. «Aber klar bevorzugten sie oft
gewohntes Essen wie Spaghetti.» 

Von Japan ging es mit der Fähre für zwei Wochen nach Südkorea – wo sich Kunz eine Gitarre kaufte – und weiter für zweieinhalb Monate nach Indonesien in ein warmes Klima. «Das war ein anderes Lebens­gefühl. Es waren auch mehr Kinder da zum Spielen.» Ein Highlight für ihn: In Bali konnte er das Tauchbrevet absolvieren und erlebte 20 Tauchgänge. «Jeden Tag Reis und frische Früchte zu essen, genoss ich sehr. Aber nach fünf Monaten kam dann schon auch Heimweh auf.»

Abtauchen in die Volkslieder

Zurück in der Schweiz gab es erst mal eine feine Rösti. Auch Käse, Brot und Leitungswasser habe er vermisst. «Und wir merkten, dass es für unsere Kinder wieder schön war, mit Gleichaltrigen zu spielen, die sie sprachlich verstehen.» Der Sänger selbst wurde sich noch mehr bewusst, dass Mundart sein musikalisches ­Zuhause ist.  

Dennoch dauerte das Ankommen daheim ein bisschen. «Ich hatte Schwierigkeiten, wieder in den Trott zu kommen. Ich konnte mich so erholen, dass ich nur langsam wieder anlief. Aber jetzt bin ich voller Energie.» Aktuell ist er mit seinen eigenen Liedern unterwegs und mit «Jetz singe mer eis – Band 3». Darauf singt er mit anderen Musikerinnen und Musikern Schweizer Volkslieder wie «Es Burebüebli» oder «Notre Valais» in den vier Landes­sprachen. Bereits 2023 sind Band 1 und 2 erschienen, im Herbst folgt Band 4 und erneut eine Tour. «Das ist das, was wir ­wollen: dass die Leute mit uns singen und die Lieder erleben.» Das Schöne an Volksliedern findet er, dass sie alle eine Geschichte erzählen. «Es geht oft um das Gleiche. Um Menschen, die etwas erlebt haben, die um jemanden trauern, das ­Leben oder die Heimat feiern.» Weil es um Dinge geht, die alle Menschen betreffen, könne man die Lieder gut auf fremde ­Länder wie Japan oder Indonesien übertragen. «Klar ­hören sie sich wegen der Instrumente nach der Schweiz an», sagt Kunz. «Aber inhaltlich ist der ­einzige Unterschied, dass wir bei uns die Berge, nicht das Meer besingen.»