
Vreny Alessandri-Stadelmann vor dem für einmal menschenleeren Petersplatz in Rom.
Vreny Alessandri-Stadelmann
Im Vatikan findet sie neue Erfüllung
Zwei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns fand die populäre Jodlerin zu ihrer Lebensfreude zurück. Die Hobbyköchin aus dem Entlebuch kocht ehrenamtlich für die Schweizergardisten im Vatikan und verwöhnt die jungen Männer kulinarisch und musikalisch.
Von Doris Zimmermann
In wenigen Wochen sitzt Vreny Alessandri-Stadelmann (69) wieder im Zug nach Rom. Es ist schon ihr fünfter Einsatz in der italienischen Hauptstadt für die päpstliche Schweizergarde. Die Vorfreude der Entlebucherin ist gross, auch wenn ihre Arbeitstage in der Küche des Vatikans anstrengend sind und sie nur für Gottes Lohn sowie Kost und Logis im Einsatz steht. Die Wertschätzung, die sie für ihre Arbeit erhalte, würde sie mehr entschädigen als alles Geld, betont die Luzernerin dankbar.
Vreny Alessandri-Stadelmann kennt man als Frohnatur. Über 55 Jahre war sie mit ihrem Bruder Teil des legendären Jodel-Duos Vreny und Franz Stadelmann und feierte grosse Erfolge. Auch als Solo-Jodlerin begeisterte sie danach noch das Publikum. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes Sepp vor etwas mehr als zwei Jahren veränderte sich ihr Leben aber grundlegend. Während 18 Monaten hatte sie Sepp liebevoll daheim gepflegt, bevor er in ein Pflegeheim kam und dort starb.
Vreny vermisst ihren Mann, mit dem sie 46 Jahre verheiratet war, sehr und besucht wenn möglich täglich sein Grab. «Plötzlich war da eine grosse Leere», sagt sie. Sie habe zum Glück eine wunderbare Familie, fürsorgliche Kinder und liebe Enkelkinder, die sich alle um sie gekümmert hätten. Und sie seien auch jetzt immer für sie da.
Dennoch wünschte sich die Witwe eine Auszeit an einem Ort, an dem sie niemanden kennt. Genau zum richtigen Zeitpunkt erfuhr Vreny durch eine Kollegin ihrer Tochter Nadya, dass in der Küche und Mensa der Schweizergardisten in Rom freiwillige Helferinnen gesucht würden. «Meine Tochter meinte: ‹Mami, das ist doch etwas für dich!›» Sie habe sich dann tatsächlich beworben und schliesslich die Zusage erhalten. «Kurz vor der Abreise nach Italien letztes Jahr hatte ich ein mulmiges Gefühl. Ich bereute meinen Mut, wusste nicht, was mich in Rom erwarten würde», gesteht Vreny Alessandri-Stadelmann. Inzwischen aber weiss die leidenschaftliche Hobbyköchin, dass dieser Job das Beste ist, was ihr hat passieren können.
Jeder Einsatz dauert mehrere Wochen. Der Schweizer Küchenchef erstellt den Menüplan und spricht diesen jeweils mit Vreny ab. Gerne lässt er seiner kreativen Hilfskraft freie Hand für die Zubereitung von typischen Schweizer Spezialitäten. Zusammen mit vier polnischen Klosterfrauen werden die Mahlzeiten zubereitet, am Mittag immer für 140 Gardisten, am Abend gibt es nur Essen auf Voranmeldung. So grosse Mengen habe sie zuvor noch nie gekocht, das sei eine echte Herausforderung, meint Vreny und lacht. Hoch im Kurs bei den Gardisten sind Vrenys gefüllte Omeletten, aber auch Älplermagronen, Wurst-Käse-Salat, Rösti und natürlich feine Desserts wie gebrannte Crème oder selbstgemachte Crèmeschnitten finden reissenden Absatz.
Ihr Arbeitstag beginnt um 8.30 Uhr mit der Vorbereitung der Fleisch- und Käseplatten fürs Frühstücksbuffet vom nächsten Tag. «Und natürlich gehört auch mein feines Birchermüesli dazu, das lieben die Gardisten über alles», verrät sie. Doch davor stattet sie jeweils der Schwarzen Madonna in der Gardenkapelle einen Besuch ab. Das sei ihr Morgenritual, noch vor dem Frühstück. «Ich verehre sie sehr. Meistens bin ich so früh am Morgen ganz alleine dort, finde Ruhe und kann in mich gehen. Das tut mir gut», verrät die Luzernerin, die während 18 Jahren im Pfarreisekretariat ihres Wohnortes Schüpfheim gearbeitet hatte. Der Kontakt zu den jungen Schweizergardisten sei sehr gut. Abends sitze man gemütlich zusammen, trinke ein Glas Wein oder ein Bier, plaudere und stimme auch mal ein Lied an. «Bei meinem ersten Einsatz letztes Jahr dauerte es bloss zwei Tage, bis sich herumgesprochen hatte, wer die Neue in der Küche ist», erzählt Vreny schmunzelnd. Gerne jutzt sie auch mal beim Kochen oder singt bei der Messe in der Gnadenkapelle. «Für alles, was ich mache, erfahre ich sehr viel Wertschätzung. Nicht selten kommen Gardisten zu mir in die Küche, geben mir die Hand und bedanken sich für das feine Essen. Das berührt mich jedes Mal tief.»
Bei einer Audienz für Mitarbeitende des Vatikans traf Vreny Alessandri-Stadelmann bisher einmal auf Papst Franziskus (88). Es sei eine beeindruckende Begegnung gewesen, stellt sie fest. Eine besondere Freude machte ihr einer der engsten Begleiter des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche. «Er schenkte mir einen gesegneten Rosenkranz, den er von Papst Franziskus in einer kleinen roten Schatulle erhalten hat.» Nie zuvor habe ihr ein Geschenk mehr bedeutet. «Das ist seither mein Glücksbringer, der mich stets begleitet. Ich bin einfach nur dankbar für alles», sagt sie voller Demut.